Debattenbeitrag

von Lydia Rudow (Landesvorstand Grüne Jugend SH, Fraktionsvorsitzende Grüne Kiel)

Die jüngsten Zahlen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung machen die Dimensionen des demographischen Wandels deutlich.

Nach der Prognose wird bis 2060 der Anteil der unter 20-Jährigen von derzeit 18% auf 16% sinken, der Anteil der Bevölkerung, die 65 Jahre oder älter ist, hingegen von 21% auf 34% steigen. Bereits heute gibt es mehr „Alte“ als „Junge“, 2060 würde das Verhältnis dann bei 2:1 liegen.

Dieser Trend spiegelt sich auch in politischen Entscheidungen wieder. Denn gerade die beiden großen „Volksparteien“ CDU und SPD haben eine zunehmend ältere Wählerschaft – mit entsprechenden Interessen. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass gerade unter der Großen Koalition eine Rentenreform auf den Weg gebracht werden soll, die bis 2020 Mehrausgaben von etwa 60 Milliarden Euro bedeutet. Der große Aufschrei der jungen Generation blieb aus. Umso wichtiger ist es, dass sich auch junge Menschen in der Politik engagieren, damit kein soziales Ungleichgewicht entsteht. Denn es sind zwei Scheren, die nicht zu weit auseinander gehen dürfen : Die zwischen „arm“ und „reich“ – und die zwischen „jung“ und „alt“.

Damit die Stimme der jungen Generation gehört wird, ist die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre wie in SH geschehen ein notwendiger erster Schritt. Mittelfristig muss man sich fragen, ob dies reicht – denn nach oben hin gibt es ja auch keine Grenze! Wieso sollte ein 14-Jähriger weniger gute Entscheidungen für die (seine) Zukunft treffen können, als ein 80-Jähriger?

Doch das Wahlalter ist nur eine Stellschraube. Weiterhin ist es notwendig, die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen zu fördern – deshalb wollen wir beispielsweise in Kiel als Pendant zum Seniorenbeirat auch einen Kinder- und Jugendbeirat einrichten. Und das Planspiel „Jugend im Rat“ soll Interesse wecken und ein Reinschnuppern in Politik ermöglichen.
Die Kultur der Mitbestimmung muss von klein auf gelernt werden. Viele Kitas halten deshalb inzwischen regelmäßig „Vollversammlungen“ mit allen Kindern ab, in denen über Dinge des Alltags gesprochen und abgestimmt wird. In der Schule setzt sich das mit dem Klassenrat und der Schülervertretung fort. Für Erwachsene dürfen diese Gremien nicht lästiges sein, sondern müssen zur Selbstverständlichkeit einer demokratischen Erziehung werden.

Die Parteien sind nicht nur bei Gesetzesnovellen, sondern auch bei der eigenen Personalpolitik in der Pflicht, Generationengerechtigkeit zu berücksichtigen. Wenn erst aufgestellt wird wer durch alle Mühlen der Partei gelaufen ist, haben junge Menschen und frische Visionen keine Chance. Eine gesunde Mischung ist wichtig – erfahrene, ältere PolitikerInnen und VertreterInnen der jungen Generation, die im vereinten Deutschland aufgewachsen ist, für die die Freizügigkeit in der EU zur Selbstverständlichkeit gehört und nicht in Frage gestellt wird, die in einer vernetzten Welt mit Computern und Smartphones groß geworden ist, aber auch um die Tücken des Web 2.0 weiß. Eine Generation, die einen ganz anderen Blick auf die Welt hat als Eltern und Großeltern – und deren Perspektive deshalb genauso wichtig ist wie die der Generationen, die den Kalten Krieg, die 68er und die Wiedervereinigung bewusst erlebt haben.

Dabei geht es grundsätzlich nicht um das Ausspielen der Generationen gegeneinander, wie es leider immer wieder suggeriert wird. Die Debatte zu studentischem Wohnen im Kieler Rat ist hier nur ein Beispiel – wo Vertreter der Opposition davor warnten, man würde nur Studentenwohnungen bauen und die älteren Menschen vergessen. Denn das Gegenteil ist oft der Fall, wie das beispielhafte Projekt „Wohnen für Hilfe“ beweist, bei dem Studenten bei älteren Menschen wohnen können und im Gegenzug Hilfe beim Einkaufen oder Putzen leisten. Auch Mehrgengerationenhäuser werden immer beliebter – und wer schonmal von „Alten-WGs“ gehört hart fragt sich, wie weit jung und alt wirklich auseinander sind.

Es ist gut, dass Themen wie Barrierefreiheit nun endlich ganz oben auf der Tagesordnung stehen, denn von der Rampe neben der Treppe, dem Fahrstuhl oder dem ebenerdigen Einstieg in den Bus profitiert nicht nur, wer mit dem Gehwagen unterwegs ist oder im Rollstuhl sitzt, sondern auch die junge Mutter mit Kinderwagen.

Umgedreht profitieren auch die RentnerInnen beispielsweise vom Kita-Ausbau, denn wenn dank Betreuungsplatz beide Eltern arbeiten können, stabilisiert das die Rentenkasse.

Es ist bei näherer Betrachtung also falsch, einen Generationen-Koflikt herauf zu beschwören, denn beide Seiten können voneinander profitieren. Wichtig ist, dass alle Generationen Gehör finden und Entscheidungen ausgewogen getroffen werden. Denn wer nur einseitig Rentenerhöhungen beschließt, koppelt die junge Generation ab und gefährdet langfristig den Sozialstaat.

Doch nicht nur im Hinblick auf die Rentenkasse, auch mit Blick auf die Rohstoffe unserer Erde und den Schutz der Natur dürfen wir nicht auf Kosten der nächsten Generation leben – und hier bahnt sich vielleicht der eigentliche Konflikt an. Denn nicht die Generation meiner Großeltern, sondern meine Generation und die darauf folgenden werden die Konsequenzen des Raubbaus an der Natur und des Klimawandels zu spüren bekommen. Es scheint daher geradezu absurd, wenn 50- oder 60-Jährige über Klimaabkommen und CO2-Ausstoß verhandeln, eigentlich müssten die Kinder dieser Welt über ihre Zukunft entscheiden.

Die Ökologische Krise ist es, gegen die sich die jugen Generation stark machen muss. Die Politik darf hier nicht aus der Verantwortung genommen werden – aber auch wir jungen Leute müssen aufwachen und begreifen, das jetzt über unsere Zukunft entschieden wird, und dass es sich lohnt, sich zu engagieren. Wer morgen noch gut leben will, muss heute etwas dafür tun. Und da können wir uns vom Geist der 68er durchaus eine Scheibe abschneiden.